22. Februar 2018 | 13:35 Uhr

Fahrrad im Frühling © pixabay/photogrammer7

Bike-Knigge

Ein Fahrrad nach Maßarbeit

Was es braucht, um ein Fahrrad Stück für Stück selbst zu bauen.

Zugegeben, das aktuelle  Wetter in Österreich sieht bei subjektiver Betrachtung nicht nach Frühling aus. Aber schon ein Blick auf den Kalender zeigt: Allzu weit weg ist der wirklich nicht mehr. Und wenn die Sonnenstrahlen wieder wärmen, ziehen viele Freizeitradler ihr Velo aus dem Winterschlaf hervor. Für alle, die eine Neuanschaffung planen und nicht von der Stange kaufen wollen, haben wir eine kleine Anleitung zum selbstgebauten Fahrrad zusammengestellt – denn das hat so manchen Vorteil.

Warum selber bauen?

Der Fahrradmarkt ist extrem umfangreich. Egal ob Trekking- oder Mountainbike, Citybike oder Gelände-Gerät, es gibt auf jedem Gebiet enorme Auswahl. Da stellt sich natürlich die Frage, warum man sich die Mühe machen und selbst ein Bike aufbauen sollte. Eine Antwort gibt es nicht, aber mehrere gute Gründe:

  • Es ermöglicht einem, sämtliche Komponenten genau nach seinem Geschmack zusammenzustellen, statt darauf zu vertrauen, dass der Hersteller das tut.
  • Man kann selbst bestimmen, aus welcher Preiskategorie alles kommt.
  • Es ist definitiv stressiger. Aber kein Fahrrad kennt man wirklich so gut wie eines, an dem man jede einzelne Schraube selbst festgezogen hat.
  • Man kann Teile kombinieren, die so bei Serienrädern nie zusammenkämen
  • Das Know-How wird (neben der Werkzeugmenge) automatisch so intensiv, dass man künftig jede Wartung, und sei sie noch so kompliziert, selbst durchführen kann

Letzten Endes ist ein selbstgebautes Rad das Äquivalent zum Autoliebhaber, der selbst restauriert. Man wird mehr als nur ein reiner Benutzer, sondern lernt sein Gefährt auf einer viel tieferen Ebene kennen.

Dabei soll aber auch nicht vergessen werden, dass es eben kein leichtes Vergnügen ist, auch wenn selbst ein High-End-Rad aus wesentlich weniger Teilen als jedes motorisierte Gefährt besteht. Man braucht teils teures Werkzeug. Und man muss sich tief in die Materie einlesen, um die richtigen Komponenten zu finden.

Ausmessen

Egal was man später noch an Einzelteilen kaufen wird, die Grundlage jedes Fahrrads ist der Rahmen. Passt der Fahrradrahmen zum Körper des Besitzers, kann beim Eigenbau-Fahrrad eigentlich nichts mehr schief gehen. Um den perfekten Rahmen passend für sein individuelles Bike ermitteln zu können, haben einige Fahrrad-Anbieter nützliche Anleitungsschritte auf ihren Webseiten.

Der allererste Schritt besteht darin, sich mit Zollstock und Wasserwage, alternativ mit einem Buch zu bewaffnen. Damit misst man seine Schritthöhe aus – die absolute Basis, auf der alles weitere basiert. Dieser Wert ist die Rechengrundlage, die man nun in eine dem Typ entsprechende Maske eintragen muss. Denn jede Bauform zwischen vollgefedertem Mountainbike und Cityrad hat einen anderen Winkel der Sitzstange und somit Rahmengeometrie. Je nachdem, welchen Wert man dabei herausbekommt, gelten zwei davon ausgehende Grundregeln:

  • Der kleinere Rahmen steht immer für ein agileres, sportlicheres aber auch etwas unruhigeres Fahrverhalten
  • Der größere Rahmen sorgt für mehr Laufruhe, für komfortableres Langstreckenverhalten, ist aber weniger flink zu fahren.

Dieses Wissen ist vor allem dann wichtig, wenn bei der Berechnung eine „Zwischengröße“ herauskommt. Gelangt man jedoch auf einen geraden Wert, sollte man als „Normalo-Radler“ diesen nehmen.

Materialkunde

Nun hat man zwar die Maße für seinen Rahmen, aber es fehlt noch das passende Material. Was man dabei auswählt, hat beileibe nicht nur preisliche Auswirkungen, sondern vor allem auch solche auf das Fahrverhalten. Mittlerweile gibt es zwar eine sehr große Auswahl, die auch exotische Materialien wie Scandium umfasst, wir bleiben jedoch für diesen Abschnitt bei den gängigsten samt ihrer Vor- und Nachteile:

  • Stahl ist nicht nur das nach wie vor günstigste Rahmenmaterial, sondern auch leicht zu verarbeiten. Er ist recht steif und sehr zäh, hat dadurch eine enorme Festigkeit und sollte es Beschädigungen oder gar Brüche geben, kann ein versierter Hartlöter (Stahlrahmen werden nicht geschweißt) sie wieder reparieren. Allerdings erkauft man dies durch ein vergleichsweise hohes Gewicht und außerhalb von Edelstählen eine gewisse Rostanfälligkeit.
  • Aluminium ist ein sehr fester Werkstoff, der überdies auch noch ein recht geringes Gewicht hat. Es ist noch steifer als Stahl. Allerdings sorgt diese Steifigkeit mit den Jahren für ein Verspröden. Und die Herstellung ist, weil Alu recht komplex zu schweißen ist, etwas teurer und schwieriger.
  • Carbon ist das High-End-Material, wenn es um maximale Gewichtseinsparung und Festigkeit geht. Solche Rahmen halten sehr lange und sind völlig witterungsunabhängig. Allerdings: Wenn etwas kaputtgeht, ist das meist das Ende für den Rahmen, weil diese laminierte Konstruktion aus Fasern besteht und somit nicht repariert werden kann.

Für ein simples Trekkingbike für Schönwettertouren kann man i.d.R. auf einen guten Stahlrahmen setzen. Erst wenn man „mehr“ will, rücken die anderen in den Fokus.

Werkzeug her

Falls noch nicht geschehen, sollte nun die Werkstatt ausgerüstet werden. Die gute Nachricht: Viel Fahrrad-Spezialwerkzeug ist nicht vonnöten. Das meiste bekommt man in jedem Baumarkt. Grundlage sollte ein Montageständer sein, damit man in komfortabler Höhe arbeiten kann. Wirklich wichtig ist indes ein Drehmomentschlüssel. Viele Muttern am Bike dürfen nur bis zu einem bestimmten Punkt festgezogen werden, etwa, damit keine Kugellager gequetscht werden. Genau das geht nur mit besagtem Schlüssel.

Die Einzelteile

Dieser finale Punkt ist der schwierigste. Denn es gibt keine allgemeingültigen Regeln, weil ein selbstgebautes Rad nun mal wirklich „Custom“ ist. Das heißt, um zwischen hinteren Ritzeln und Lenkerspitze die richtigen Teile zu finden, sollte man sich mit einem Fachmann zusammensetzen – der Fahrradhändler ist dafür schon ein guter Ansprechpartner. Kostenlos und sehr nützlich ist es zudem aber auch, sich in Web-Foren umzusehen. Schon auf Facebook bestehen diverse Gruppen, die sich nur mit dem Bike-Bau befassen. Im deutschsprachigen Internet existieren zudem noch folgende (kostenlose) Foren, in denen auch blutige Selberbau-Anfänger die wichtigsten Tipps bekommen:

  • Radforum.de
  • Bikeboard.at
  • Downhill-board.com

Doch gilt auch hier die Grundregel: Immer mehrere Antworten vergleichen. Schon weil hier oft viel persönliche Meinung im Spiel ist.

Lohnt es sich?

Definitiv ja. Ein Rad zu bauen, ist zwar keine Geldspar-Methode. Aber neben der Tatsache, wirklich „sein“ Bike zu erschaffen, ist es einfach auch eine tolle Freizeitbeschäftigung für Schlechtwetter-Tage. Wirklich brauchen tut man es nicht – aber das dürfte wohl bei allen Dingen so sein, bei denen echte Leidenschaft im Spiel ist.

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